Trinkgeld in Kanada
Wenn du nach Kanada reist, wirst du schnell feststellen: Trinkgeld gehört hier fest zum Alltag.
Kaum ist die Rechnung im Restaurant da, taucht auf dem Kartenlesegerät die Frage auf – „How much tip would you like to add?“
Und dann die Auswahl: 15%, 18%, 20%, manchmal sogar 25%! 😳
Das Ganze ist mittlerweile außer Kontrolle, und die Meinungen der Leute darüber gehen stark auseinander. Trinkgeld ist nicht mehr einfach nur eine Belohnung für guten Service, sondern wird oft als Anspruch gesehen, den man automatisch erwartet.
In Kanada ist Trinkgeld mittlerweile so übertrieben verbreitet, dass fast jede Fast-Food-Kette die Option am Kreditkarten-Terminal anbietet. Am nervigsten ist es, wenn man am Drive-Through steht und sich erst einmal durch die Trinkgeld-Auswahl auf der Karte wühlen muss, bevor man überhaupt bezahlen kann.
Aber zurück zum Thema, wie viel Trinkgeld ist in Kanada wirklich üblich?
Und muss man immer so viel geben, wie das Gerät vorschlägt?
Hier teile ich unsere ganz persönlichen Erfahrungen zum Thema „Trinkgeld in Kanada“ – ehrlich, direkt und ohne Schönreden.
Wie viel Trinkgeld ist üblich?
In Kanada liegt das Trinkgeld in Restaurants üblicherweise bei 15–20 % der Rechnung.
Das bedeutet aber nicht, dass du diesen Betrag automatisch bezahlen musst. Du entscheidest immer noch selbst, wie gut der Service war und wie viel Trinkgeld angemessen ist.
Die Zeiten haben sich geändert
Früher war es tatsächlich so, dass Bedienungen in Kanada fast nur vom Trinkgeld gelebt haben.
Das ist heute nicht mehr der Fall.
Mittlerweile verdienen viele Kellnerinnen und Kellner ein ordentliches Grundgehalt – teils sogar mehr als z.B. Supermarktmitarbeiter, die ja auch freundlich sein müssen, aber kein Trinkgeld bekommen.
Darum finde ich: Ein großes Trinkgeld ist nicht mehr selbstverständlich nötig. Darum halte ich 10-15% Trinkgeld für völlig ausreichend – und das gilt auch für Touristen. Ein großes Trinkgeld ist nicht mehr Pflicht, sondern eine nette Geste, wenn der Service wirklich gut war.
Die Dreistigkeit der Karten-Terminals
In vielen Restaurants beginnt die Trinkgeld-Auswahl am Karten-Terminal erst bei 18% – und kann bis 25% oder mehr gehen. Aber keine Sorge: Meist gibt es ein kleines Symbol mit „$$“, über das man einen eigenen Betrag eintippen kann.
Tipp: Nie einfach blind auf die Prozentvorgaben tippen. Lieber selbst entscheiden, was angemessen ist.
Wann gibt man Trinkgeld in Kanada – und wann nicht?
Bei uns gilt: Trinkgeld gibt es nur, wenn man tatsächlich bedient wird – also wenn man sich hinsetzt, bestellt und das Essen an den Tisch gebracht bekommt.
Wenn du selbst an der Theke bestellst, ist kein Trinkgeld nötig. Zum Beispiel
- bei Tim Hortons, Starbucks oder Fast-Food-Ketten, wenn man an der Theke bestellt,
- in Food Courts in Einkaufszentren,
- oder wenn man nur etwas “To Go”, also zum Mitnehmen bestellt.
Auch dort wird inzwischen oft automatisch ein Trinkgeldvorschlag angezeigt – aber da klicke ich konsequent auf „No Tip“.
Warum der Service in Kanada anders läuft
Wir gehen gerne in Familienrestaurants, wo die Preise fair sind und man ordentlich satt wird.
Familienrestaurants sind keine schicken Gourmet-Restaurants. Unsere Zeit dort ist meist auf etwa eine Stunde begrenzt – je nachdem, wie schnell das Essen kommt. Bestellen, essen, bezahlen und wieder gehen.
Sobald man den letzten Bissen gegessen hat, wird der Teller abgeräumt und gefragt, ob man noch Nachtisch möchte. Lehnt man ab, holt die Bedienung überraschenderweise bereits die Rechnung aus der Schürze und legt sie mit dem Hinweis „whenever you are ready“ auf den Tisch. Übersetzt bedeutet das in etwa: „Fertig gegessen? Dann mach Platz, die nächste Familie wartet schon.“
Wir lassen uns davon aber nicht hetzen – man kann selbstverständlich auch länger sitzen bleiben. In Kanada ist es jedoch unüblich, wie in Deutschland stundenlang “mit Freunden beim Griechen” zu sitzen und ausführlich zu plaudern. Abends wechselt ein Tisch in einem kanadischen Familienrestaurant oft mindestens 3-4 Mal den Besitzer.
Ist es unhöflich, kein Trinkgeld zu geben?
Kurz gesagt: Ja, meistens schon.
Kein Trinkgeld zu geben wird in Kanada häufig als Zeichen von Unzufriedenheit mit dem Service verstanden. Nur wenn der Service wirklich schlecht war, kann man es weglassen – und selbst dann geben viele Kanadier:innen noch einen kleinen Betrag (z. B. 10%).
Viele europäische Reisende sind überrascht, wie selbstverständlich das Trinkgeldsystem in Kanada funktioniert. In Deutschland reicht oft ein kleiner Aufrundungsbetrag – in Kanada hingegen wäre das fast schon unhöflich wenig. Dafür bekommst du dort meist außergewöhnlich freundlichen Service, denn das Trinkgeld motiviert direkt.
Was ist besser, prozentual oder pauschal?
Kreditkarten-Terminals sind schon mit prozentualen Trinkgeldbeträgen vorprogrammiert. Klar, es ist bequem, einfach einen Knopf zu drücken, um das Trinkgeld zu geben.
Viel mehr Kontrolle hast du allerdings, wenn du am Terminal statt eines Prozentsatzes einen pauschalen Dollarbetrag auswählst. So machen wir es – wir entscheiden den Betrag bewusst pauschal.
Warum teures Essen nicht automatisch mehr Trinkgeld bedeutet
Was mich an der kanadischen Trinkgeldkultur am meisten stört, ist die feste Erwartung, dass das Trinkgeld automatisch prozentual zur Rechnung berechnet werden sollte. Aber warum eigentlich?
Wir passen das Trinkgeld immer an das Restaurant und die Situation an: Bei einem $50-Abendessen geben wir zum Beispiel pauschal als Betrag, nicht prozentual $6-8 Trinkgeld, also umgerechnet 12-16%.
In teureren Lokalen, wo die Rechnung deutlich höher ist, geben wir prozentual etwas weniger, weil der Service nicht mehr Aufwand bedeutet. Die Bedienung trägt die Teller zum Tisch – egal, ob es ein $50-Steak oder ein $15-Salat ist. Der Aufwand bleibt derselbe, nur das Essen kostet mehr.
Ein Beispiel:
Wir hatten Freunde in einem etwas gehobenerem Restaurant eingeladen, die Rechnung für 4 Personen lag bei $300.
Nach kanadischem Standard wären das bei 20% dann $60 Trinkgeld gewesen – völlig übertrieben!
Wir haben $30 gegeben, was für guten Service immer noch fair ist.
In solchen höherwertigen Restaurants verdienen die Bedienungen in Kanada gutes Geld und gehen oft mit über $200 Trinkgeld am Tag nach Hause. Das liegt auch daran, dass das Essen hier schneller abläuft – niemand sitzt stundenlang am Tisch. Der Tisch wird alle ein bis zwei Stunden neu vergeben, mit neuem Trinkgeld.
Bargeld oder Karte?
In den meisten Restaurants und Bars ist es völlig normal, Trinkgeld per Karte zu geben. Wenn du bar zahlst, kannst du das Trinkgeld direkt auf dem Tisch liegen lassen oder beim Bezahlen ankündigen („Keep the change“).
Achtung: Automatisches Trinkgeld bei großen Gruppen
In den meisten, wenn nicht allen Restaurants wird bei Gruppen ab 6 oder 8 Personen automatisch ein Trinkgeld von 18 % auf die Rechnung aufgeschlagen. In solchen Fällen solltest du beim Bezahlen kein zusätzliches Trinkgeld mehr geben.
Wenn das Trinkgeld unfair verteilt wird
Was viele Reisende nicht wissen: In manchen Restaurants wird das Trinkgeld nicht vollständig an die Bedienung ausgezahlt.
In vielen Lokalen wird es mit Barkeepern, Köchen, Spülern und Servierhilfen geteilt.
Am Ende einer Schicht gehen manche Bedienungen dann nur noch mit $20 extra nach Hause, obwohl insgesamt $250 Trinkgeld hereingekommen sind.
Noch dreister wird es, wenn das Management einen Teil einbehält und den Rest anschließend unter allen Mitarbeitenden verteilt.
Ich bin seit über zehn Jahren in der Work-and-Travel-Community aktiv und bekomme immer wieder mit, was hinter den Kulissen passiert.
Das Trinkgeld kommt übrigens am besten an, wenn du es der Bedienung direkt in bar gibst – so kann sie es sofort einstecken.
Mein Fazit: Kein schlechtes Gewissen!
Fühl dich nicht verpflichtet, hohe Trinkgelder zu geben.
10 % sind auch völlig in Ordnung – oder mal weniger, wenn der Service wirklich schlecht war.
Gib, was du für angemessen hältst, und lass dich nicht von den vorgegebenen Prozentzahlen einschüchtern.
Was ist mit Trinkgeld außerhalb von Restaurants?
Trinkgeld in Kanada betrifft nicht nur Kellner:innen, sondern viele Bereiche des Alltags. Je nach Serviceart gelten unterschiedliche Richtwerte:
- Bars: 1–2 CAD pro Getränk
- Taxis & Rideshares (z. B. Uber): 10–15%
- Friseur & Kosmetik: 15–20%
- Hotelpersonal: 2–5 CAD pro Tag für das Reinigungspersonal, 1–2 CAD pro Gepäckstück für Portiers
- Lieferdienste: 10–15% des Rechnungsbetrags, mindestens 2 CAD
- Valet / Parkservice: 2–5 CAD beim Abholen des Autos
Organisierte Bustouren
Bei organisierten Touren ist Trinkgeld üblich und wird in der Regel für den Fahrer und den Reiseleiter separat gerechnet. Trinkgelder werden normalerweise zum Abschluss der Tour gegeben.
- Reiseleiter / Tourguide: 5–10 CAD pro Person und Tag
- Busfahrer: 2–5 CAD pro Person und Tag
Housekeeping in Hotels
Zimmermädchen (Housekeeping) erhalten zwar Trinkgeld, aber viele freuen sich zusätzlich über kleine Aufmerksamkeiten. Kleine Schokoladen oder Tütchen Haribo aus Deutschland kommen oft gut an. Viele Zimmermädchen arbeiten früh morgens oder spät abends, oft unter hohem Zeitdruck.
Eine kleine Aufmerksamkeit aus der Heimat – wie Schokolade oder ein Tütchen Haribo – bleibt oft länger in Erinnerung als das reine Trinkgeld. Am Ende reicht aber auch das klassische Bargeld völlig aus. Viele Mitarbeiter in der Hotellerie sind junge Work-and-Traveller, die ihren Roadtrip mit der Arbeit finanzieren.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Ich habe selbst in diesem Bereich gearbeitet, und eine kleine Geste wurde wirklich geschätzt. Es zeigt Wertschätzung für die oft harte Arbeit hinter den Kulissen.